Kandidatenturnier in Berlin

Der 22.3.2018 war ein nasskalter Tag in Berlin. Als ich gegen halb 3 Uhr nachmittags mit der Linie U2 am Gleisdreieck ankam und die letzten Meter durch den Nieselregen zum Kühlhaus ging, hatte ich ehrlich gesagt Zweifel, ob mein Besuch beim Kandidatenturnier so gut werden würde, wie ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte. Zum einen aufgrund einiger negativer Berichte, die ich gelesen hatte, zum anderen aufgrund des Umstands, dass meine beiden persönlichen Favoriten, Kramnik und Aronian, zu diesem Zeitpunkt – vor der 10. Runde – ganz wider Erwarten nicht den Tabellenanfang sondern das Tabellenende besetzten. Vielleicht wegen dieser zurückgenommenen Erwartung wurde ich dann aber, als ich das Kühlhaus betrat, wirklich positiv überrascht. Hier meine Eindrücke:

Im Eingangsbereich wurde man zunächst durch eine große Wandtafel über die Paarungen der einzelnen Runden informiert und konnte sich im Erdgeschoß zudem eine kleine Ausstellung der Emanuel-Lasker-Gesellschaft über den zweiten Schachweltmeister anschauen, der in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag feiert. Durch ein echtes Berliner Treppenhaus gelangte man von dort in die im 1. Stock gelegene „Spielzone“.

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Spielzone: Kramnik trinkt vor der Partie einen Tee.

In diesem Bereich konnte ich vor der Runde beobachten, wie Kramnik noch einmal von seinem Manager Carsten Hensel aufgemuntert wurde (dessen neue Kramnik-Biographie übrigens sehr zu empfehlen ist). Aronian machte hingegen leider den Eindruck, erkältet zu sein.

Die Partien wurden gestartet und dann war plötzlich die Anspannung zu spüren. Es ist schwer zu beschreiben, aber selbst die Anfangszüge der Italienischen Partie erscheinen wie eine übermenschliche Leistung, wenn man aus nächster Nähe sieht, wie die Spieler bei diesem wichtigen Turnier im Scheinwerferlicht sitzen und aus drei verschiedenen Blickwinkeln für Zehntausende Zuschauer gefilmt werden.

Dabei war es sehr interessant, die unterschiedlichen Herangehensweisen der Spieler zu erleben: Während z.B. Karjakin seine Zeit fast durchgehend konzentriert und beinahe unbeweglich am Brett verbrachte, sprang Kramnik nach wirklich jedem Zug sofort auf, um sich in den Aufenthaltsbereich zu begeben (und dort auf und ab zu laufen). Caruana wandelte derweil ruhig durch den Saal und sah sich immer wieder das Spielgeschehen an den anderen Brettern an, vermutlich auch aus turnierstrategischen Gründen.

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Balkon: Hauptschiedsrichter Klaus Deventer, Grischuk-Karjakin, Kramnik.

Oberhalb der Spielzone gelegen befanden sich in der 2. und 3. Etage zwei Balkone, von denen man die Partien gut erkennbar aus der Vogelperspektive betrachten konnte. Der gesamte Veranstaltungssaal machte besonders aus diesem Blickwinkel einen starken Eindruck – eine kunstvolle Mischung aus Martial-Arts-Arena und Bibliothekslesesaal.

Ein weiteres Stockwerk höher schloss sich die „Fanzone“ an. Hier erhielten die Schachfans an diesem Tag eine deutsche Kommentierung der Spiele durch den von Chess24 bekannten GM Ilja Zaragatski und die deutsche Spitzenspielerin IM Elisabeth Pähtz. Zu Gast war außerdem Fußballtrainer Felix Magath, der an diesem Tag den ersten Zug in der Partie Mamedyarov – Caruana ausführte.

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Fanzone: Ilja Zaragatski mit Felix Magath.

Während die Begegnung Mamedyarov – Caruana und die Partien Grischuk – Karjakin sowie Ding – So an diesem Tag Remis ausgingen, entwickelte sich in Kramnik – Aronian nach positionell geprägter Anfangsphase erneut eine messerscharfe Stellung. In Zeitnot griff Aronian mit 36. … Db6-c7 fehl und ließ Kramniks 37. Sf6-e8+! zu.

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Kramnik – Aronian, Stellung nach 37. Sf6-e8+.

Nach diesem Abzugsschach konnte zwar die weiße Dame geschlagen werden, jedoch wäre dann mit Txf8+ Lg8 Txg8 ein zweizügiges Matt gefolgt. Mit dieser schönen Kombination konnte Vladimir Kramnik glücklicherweise seine Verlustserie beenden und war in der darauffolgenden Pressekonferenz, die in Berlin für jedermann zugänglich war, dementsprechend gut gelaunt. Gute Chancen also für Autogrammjäger, die von Kramnik nach der Befragung dann auch tatsächlich ausgiebig bedient wurden. Der Andrang war allerdings riesig.

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Pressekonferenz mit Kramnik, FIDE-Pressesprecherin Anastasiya Karlovich, Aronian.

Einer sehr guten Freundin, die mit mir das Turnier besuchte, gelang es – dank russischer Sprachkenntnisse – nicht nur von Karjakin sondern sogar auch noch von Kramnik ein Autogramm zu erhalten (siehe Foto). Das schien mir schon ein unglaubliches Glück, dann passierte jedoch etwas noch Verrückteres. Der Weltmeister versuchte nämlich plötzlich aus dem Menschenpulk zu entkommen und lief dabei allerdings nicht in Richtung Ausgang, sondern in die genau entgegengesetzte, nämlich meine Richtung. Hilfsbereit wie ich bin, zeigte ich ihm den richtigen Fluchtweg und durfte dafür ein Selfie mit ihm aufnehmen. – Der perfekte Abschluss eines gelungenen Tags beim Berliner Kandidatenturnier. (Eventuelle Fortsetzung folgt.)

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